Kunst und Kultur

Von der Werkgenese her vollkommen verschieden, ergeben sich in der Ausstellung überraschende Schnittstellen in der Arbeit von Georgia Creimer und Thomas Reinhold. Das Interesse beider Künstler an liquiden und amorphen Formen illustriert auch der Ausstellungstitel liquid:morph.

Thomas Reinhold entwickelt auf der Leinwand eine eigene Welt, in der er versucht, mit den Möglichkeiten der Kunst dem Ursprung jeglicher Gestaltung auf den Grund zu gehen. Seine meist großformatigen Tafelbilder entstehen im Prozess des steten Überprüfens bildnerischer Möglichkeiten. Den malerischen Raum entwickelt er nicht mittels herkömmlicher tiefenillusionistischer Mittel, sondern allein durch die Überlagerung von Schichten. So entsteht eine „Architektur der Malerei“, in der Raum scheinbar wie von alleine wächst. Die verdünnten Ölfarben werden auf die Leinwand geschüttet. Das Schütten und Schieben der Farbe mit der Hand ebenso wie das Neigen des Rahmens ersetzen den Pinsel. Die Farbe folgt einem vom Künstler vorgegebenen Verlauf, den er unter Einbeziehung des Zufalls kontrolliert – was definitiv zu einem anderen Ergebnis führt, als eine aktionsgeladene spontane Schüttung. Wenn die erste Schüttung getrocknet ist, wird der Vorgang mehrmals wiederholt. „Es ist ein meditativer Vorgang, bei dem ich versuche, keine Formen oder Bilder im Kopf zu haben, der einzige Fokus ist die Räumlichkeit, die auf der Leinwand entstehen soll.“. Mittels einer Bildgestaltung, die einzig aus den fundamentalen Eigenschaften und Reaktionsweisen der Farben entwickelt wird, entwirft Thomas Reinhold eine abstrakte Partitur auf der Leinwand, die bei den BetrachterInnen räumliche Assoziationen hervorruft. Einerseits vollkommen unprätentiös, ohne vordergründige Effekte und andererseits durch die Wucht der Farben und die zuweilen beachtliche Größe der Leinwände, mit unbändiger Kraft und Raumpräsenz.

Auch in der Arbeit von Georgia Creimer spielt das Zufällige, nicht Vorhersehbare eine Rolle. Die körperhaften, geheimnisvollen Formen, die sich in den Bildern und Gouachen der Künstlerin finden, entwickelt sie aus „halbblinden Zeichnungen“ mit geschlossenen Augen, die danach zur Form vervollständigt werden. Aus der verinnerlichten, intuitiven, freien Gestik entstehen amorphe Gebilde. Einzelne Partien dieser Zeichnungen entwickelt sie weiter, indem sie sie auf Leinwand überträgt oder es entstehen daraus großformatige Acrylzeichnungen auf Papier. Creimers Bilder spielen mit der Wahrnehmung von Raum und Zeit. In ihren Bildkonzeptionen entwickelt sie eine surreale Metaebene, in der sich Statik und Schwerelosigkeit begegnen. Die Formensprache der Biome weckt Assoziationen mit der Welt des Organischen, der Biologie, des Amorphen und der Biotechnik. Die komplexen bildtechnischen Mittel, derer sich Creimer bedient, vereinen Grafik, Malerei und Fotografie. Anders als die großformatigen Leinwände oder Zeichnungen entstehen Creimers „Pissbilder“ mit Versatzstücken der Realität. Seit 2011 fotografiert die Künstlerin unterschiedliche Spuren von Hundeurin auf Gehsteigen Wiens mit ihrem i-Phone. Begonnen als Notizen des Banalen, veränderte sich im Laufe der Zeit ihr Blick auf das, was sie fotografiert: „Ich habe angefangen, in diesen freien Formen eine Art Abdruck von etwas zu sehen, das wie eine codierte Sprache funktioniert. Eine Art Zufalls-Graffiti, das versucht, eine Botschaft zu hinterlassen.“ So entstanden aus handfesten Tatsachen abstrakte Bildlandschaften, die dazu auffordern, neue Wahrnehmungsmuster zuzulassen.

Sowohl Reinhold als auch Creimer verfremden, dekonstruieren und überschreiben die Ausgangsformen und holen sie verzerrt wieder ins Bild hinein. Auch in seinen Fotografien überschreibt Reinhold – durch Unschärfe - die Ausgangsmotive. Ebenso dekontextualisierend wirken die Fotoserien von Georgia Creimer, in denen ein Konkavspiegel die reflektierten Gegenstände in abstrakt-ornamentale Musterung auflöst.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Text von Silvie Aigner.

Ende der Ausstellung: 16.10.2016. Ab 21.2.2017 im Art Room: Manfred Deix. Für Einladungen klicken Sie bitte hier.